Der Katalog
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Jasmin Grande: Träume vom Frieden: Krieg und Utopie
Gerd Krumeich: Die Präsenz des Krieges im Frieden
Gertrude Cepl-Kaufmann: Schriftsteller und Krieg
Stefanie Muhr: Zwischen Traum und Trauma: Künstlerische Utopien nach dem Ersten Weltkrieg
Nicolas Beaupré: Nach dem Krieg.Ein Vergleich zwischen der französischen und der deutschen Kriegsliteratur
Landry Charrier: Die Beziehungen zwischen den französischen und deutschen Intellektuellen vor dem Hintergrund der internationalen Spannungen (1918-1925)

 

 
Abstracts
 
 

Träume vom Frieden: Krieg und Utopie

von Jasmin Grande, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Von den ersten großartigen Erwartungen der Schriftsteller, Künstler und Intellektuellen an den Krieg über das tatsächliche Grauen des Krieges bis hin zu den utopische Projekten einer besseren Welt zur Verhinderung einer weiteren Kriegskatastrophe zeigt die Ausstellung den Umgang sensibilisierter Künstlernaturen mit den Ereignissen von 1914-1924, ihre Träume vom Frieden. In einer ungewöhnlichen Intensität nehmen die Künstler und Schriftsteller am intellektuellen Aufbau Deutschlands nach dem Krieg teil und verstehen sich im Sinne des bourdieuschen Intellektuellen als Künder und Handwerker einer neuen Zeit. Sie lassen die Toten tanzen und die Krüppel Ball spielen und dokumentieren den grotesken Alltag des Krieges auf den Schlachtfeldern sowie in der Heimat. Die entstehenden Werke sind Aufrufe, ob sie mit explodierenden Sonnen für die Neuordnung des Chaos’ eintreten oder explizit zur Völkerversöhnung auffordern. „Auf Ihr Armen“, malt und schreibt Franz W. Seiwert und wendet sich an diejenigen, die arm sind und gelitten haben sowie an diejenigen, die mit ihren Armen handeln, Widerstand gegen den Krieg leisten können. Dem Deutschlandbild der Zwischenkriegszeit, das heute hauptsächlich von den politischen Entwicklungen zum Nationalsozialismus geprägt ist, wird ein zweites, kaum erinnertes Bild entgegengesetzt, das für einen kurzen Augenblick die Möglichkeit eines anderen Weges offenbart. Es geht hier allerdings nicht um eine rechtfertigende Ergänzung des Deutschlandbildes in der Zwischenkriegszeit, denn zum Nationalsozialismus gibt es keine Entlastung. Das Ersticken der Friedensträume in der Peripherie des nationalsozialistischen Deutschlands ist ebenso bekannt wie die Adaption des empathischen Pathos’ der Aufrufe für das Erstarken größenwahnsinniger Herrschaftsideologien. Es geht also vielmehr um die Ergänzung eines Zeitbildes und um den Zugang zu den utopischen Potentialen der Zwischenkriegszeit.

 

Die Präsenz des Krieges im Frieden

von Gerd Krumeich, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

In diesem Aufsatz wird das Problem der „Brutalisierung“ der europäischen Gesellschaften und ganz besonders der Gesellschaften der Verliererstaaten nach dem Ersten Weltkrieg diskutiert. Die heute ausdifferenzierte Forschung ist durch die bahnbrechende Arbeit von George L. Mosse „Fallen Soldiers“ seit Beginn der 1990er Jahre in Gang gesetzt worden. Mosse glaubte, einen direkten Weg von den „brutalen“ Erfahrungen der Soldaten des Ersten Weltkrieges hin zur Verrohung der Politik in den 1920er und 1930er Jahren insbesondere in Deutschland feststellen zu können. Die neuere Mentalitäts- und Symbolforschung für die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg lässt allerdings die Tatsache offenkundig werden, dass dieser Erklärungsansatz nicht ausreichend ist und man beispielsweise die Kriegserfahrungen der Jugendlichen von 1914 für die „brutalen“ politischen Doktrinen der Zwischenkriegszeit mit verantwortlich machen muss. Nicht von ungefähr waren die wichtigsten Nazi-Führer nicht etwa Frontsoldaten gewesen, sondern Kinder im Krieg. Auch ist die Tatsache zu bedenken, dass sich die sogenannten Kriegserfahrungen des Ersten Weltkrieges im Laufe der 1920er Jahre stark wandelten, und dass sich eigentlich erst mit Ende der zwanziger Jahre die Physionomik eines „stahlharten“ Frontkämpfers ausbildete, das „Stahlgesicht“ der Fronterzählungen der späten zwanziger Jahre (Ernst Jünger!), die sich dann in der Überlegenheit der „rassischen Elite“ der SS fortsetzte. Eine wichtige Forschungsaufgabe bleibt es, die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Bewältigung des Kriegeserlebnisses auf Sieger- und Verliererseite zu leisten. Hier dürfte es nicht zuletzt um die Differenz von jeweils zugestandener Trauer einerseits und Verdrängung der schmachvollen Niederlage andererseits gehen, welche ein Einfallstor für extrem nationalistische Phrasen, Rachsucht und Hass war. Die Ausstellung selbst zeigt jedoch, dass es für die Zwischenkriegszeit auch ein anderes Deutschlandbild gibt, das in den künstlerischen und schriftstellerischen Werken einen anderen Weg, eine andere Motivation und eine andere Zukunft kannte.

 

Schriftsteller und Krieg

von Gertrude Cepl-Kaufmann, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Dem euphorisch bejubelten „Soldatenabschied“ im August 1914 folgte schon bald die Wandlung der meisten Schriftsteller zu kämpferischen Pazifisten. Der Schützengraben wurde zum Ort einer negativen Identität. Die Lyrik besang nicht mehr das Heldentum und den heroische Kampf Mann gegen Mann, sondern vermittelte eindringlich die existentielle Angst. Der Verlust individueller Handlungsfreiheit und die kategoriale Trennung von Objekt- und Subjektwelt banden sich an neue Wahrnehmungsmuster, die die Aggressivität einer technisch perfekt ausgerüsteten Kriegsmaschinerie, gegen die der Einzelne keine Chance hatte, spiegeln. Oft erschien der Tod als einziger Lichtblick, ja, als Hoffnung. Über die momenthafte Verlorenheit erhob sich in dieser Zeit aber auch eine neue Stimme, getragen vom elementaren Bedürfnis nach fundamentaler Veränderung der Welt. Hier hat das „O-Mensch“- Pathos, das vornehmlich den Spätexpressionismus kennzeichnet, und das sich in keiner anderen europäischen Dichtung in dieser Fülle findet, seine Quelle. Die messianische Rückbesinnung und die Hoffnung auf ein neues Paradies zählen zu den utopischen Konstrukten, die die Metaphorik der Texte bis weit in die Nachkriegszeit prägen. Sonnen erscheinen wie explodierende Granaten, gelten aber auch als kosmische Heilsbringer. Die pazifistisch motivierte Lyrik der literarischen Avantgarde diente bis in die Nachkriegszeit zur Auseinandersetzung mit den bleibenden körperlichen und seelischen Verletzungen. Anders als ihre französischen Kollegen vermochten deutsche Schriftsteller das Ereignis nicht als einen „Grande Guerre“ zu deuten und ihre Leiden durch ein Siegesgefühl zu kompensieren. Von besonderem Gewicht sind literarische Appelle an einen kollektiven Versöhnungswillen. Schriftsteller wie Carl Einstein, Walter Hasenclever, Fritz von Unruh und Ernst Toller verbreiteten Ideen eines brüderlich vereinten Europa. Die Sinnbilder für das ersehnte einheitsstiftende Gemeinschaftsideal und Zeichen für die utopische Hoffnung reichten bis hin zu einer „Kathedrale der Menschheit“ als einem universalen Denkbild voll sakraler Kraft, mit denen eine ordo amoris der Moderne eingeklagt wurde.

 

Zwischen Traum und Trauma: Künstlerische Utopien nach dem 1. Weltkrieg

von Stefanie Muhr, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Der Erste Weltkrieg fiel nicht nur in eine Phase produktiver Kunstproduktion, die sich in Avantgarde-Bewegungen und Künstlergruppen manifestierte, er wurde auch von vielen Künstlern in der Hoffnung auf eine kathartische Reinigung begrüßt. Die Sehnsucht nach der Geburt eines neuen Menschen und einer neuen Zeit mündete jedoch bald in einem Schockerlebnis. Die traumatischen Kriegserfahrungen bildeten den Nährboden für gesellschaftlich und künstlerisch heterogene Reformbewegungen. Künstlervereinigungen in Berlin, Dresden und im Rheinland entwickelten sich zu einem Forum für utopistische Gruppierungen, aber auch für die Suche nach einer adäquaten Bildsprache, die das Erlebte authentisch zum Ausdruck bringen sollte. Kriegskrüppel mit deformierten Physiognomien spiegeln als Chiffre seelischer Verwundung die Leidenserfahrung im Kunstwerk wider und stehen neben christlichen Erlösungsmotiven mit hoffnungsvoller Zukunftsvision. Die Künstler suchten ihre geistige Heimat zwischen einer idealisierten Vergangenheit und einem unerreichbaren Utopia. Während sich einige Maler mit Apokalypsemotiven und Weltgerichtsdarstellungen an der christlichen Ikonographie des Mittelalters orientierten, nutzte der Bauhaus-Architekt Walter Gropius ein Idealbild der Gotik, um sozialistische und theologische Impulse zu einer religiös motivierten Volkskultur zu verbinden. Nach dem Vorbild mittelalterlicher Bauhütten sollte der Künstler in solidarischer Gemeinschaft an der Verwirklichung eines Gesamtkunstwerkes mitwirken, um so die Zerrissenheit der Kriegsjahre im Kollektiv zu heilen. Hatte die  (Kriegs-) Technik den Menschen zerstückelt, sollten Ganzheitsvorstellungen Humanität und Vitalität zurückgeben. Dabei gestand man dem Künstler die Rolle des geistigen Anführers zu, der priestergleich der Menschheit zur Erlösung verhelfen sollte.

 

Nach dem Krieg. Ein Vergleich zwischen der französischen und der deutschen Kriegsliteratur

von Nicolas Beaupré, Université Blaise Pascal de Clermont Ferrand, Centre de recherche de l’Historial de la Grande Guerre

Der vorliegende Text setzt sich mit dem literarischen Feld Frankreichs und Deutschlands am Ende des Krieges auseinander und berücksichtigt insbesondere die Entwicklungen der sogenannten Kriegsliteratur. Der historische Vergleich der deutschen und französischen Literatur nach dem Krieg zeigt, dass die Literaturbetriebe beider Länder kurzfristig mit denselben Problemen konfrontiert waren. Hatte das Publikum während des Krieges der in seinem Kontext entstehenden Literatur sehr viel Aufmerksamkeit gewidmet, so verliert es nach 1918 jegliches Interesse daran. Autoren wie Verleger stellten mit einiger Bitterkeit fest, dass der Verkauf von Kriegsbüchern und –autoren drastisch zurückging. Der Hauptgrund für diese Veränderung liegt sicherlich in der Rechtfertigungsfunktion, die die Kriegsliteratur von 1914 bis 1918 übernommen hatte und die nach 1918 überflüssig geworden war. Neue und alte Spannungen innerhalb der Literatur brachen sehr schnell wieder auf und lösten die französische „Union Sacrée“ und den deutschen Burgfrieden, so sie jemals vorhanden waren, ab. In diesem Kontext offenbart sich der Hauptunterschied beider Literaturen. Denn während sich in Frankreich trotz der politischen Differenzen die ehemaligen Frontliteraten sehr schnell in einem Verein – der „Association des écrivains combattants“ (AEC) – organisierten, erfolgte dies in Deutschland erst 1936 durch den Nationalsozialismus. Die Niederlage, die Revolution und der Vertrag von Versailles machten eine gemeinsame Trauer um die gefallenen Kameraden und damit eine kollektive Verarbeitung und Erinnerung, wie es sich die AEC zur Aufgabe gemacht hatte, in Deutschland unmöglich. Erst unter dem Aufstieg der NSDAP wurde eine „Kameradschaft der Frontdichter“ mit dem Namen „Die Mannschaft“ gegründet, diese Vereinigung diente jedoch nicht der Aufarbeitung, sondern vielmehr der Gleichschaltung der Interpretationen des Ersten Weltkrieges im Sinne der NSDAP.

 
Die Beziehungen zwischen den französischen und deutschen Intellektuellen vor dem Hintergrund der internationalen Spannungen (1918-1925)

von Landry Charrier, Université Blaise Pascal de Clermont-Ferrand

Mit dem Ende der Feindseligkeiten normalisierten sich die Beziehungen zwischen den deutsch-französischen Lagern keineswegs. Der Inhalt der Friedensverträge provozierte eine Art „kalten Krieg“, der seinen Höhepunkt 1923 erreichte. Um 1924-25 kam es zu einer neuen Phase deutsch-französischer Annäherung, die sich zuvor auf einige kleine Zirkel von Intellektuellen beschränkt hatte. Die Wiederaufnahme der Beziehungen unter den Intellektuellen gestaltete sich nach dem Krieg als langer und dornenvoller Weg. Die Ansichten waren immer noch polarisiert und der Informationsfluss war spärlich. Eine kosmopolitische Minderheit war sich durchaus bewusst, dass die europäische Zivilisation in einer tiefen Krise steckte. Man war überzeugt, dass an keine Befriedung und an keinen Wiederaufbau des Kontinents zu denken war, bevor die Wiederaufnahme deutsch-französischer Beziehungen wenigstens angebahnt wurde. Diese Minderheit baute allmählich Begegnungs- und Austauschnetzwerke auf, zu deren Persönlichkeiten in Frankreich André Gide, Paul Desjardins und Jacques Rivière zählten, und in Deutschland Ernst Robert Curtius, Samuel Saenger und Heinrich Mann. Diese „Internationale der Gentlemen“ (Curtius) korrespondierte und verständigte sich mittels internationaler Zeitschriften wie der NRF, der Neuen Rundschau, der Luxemburger Zeitung oder der Revue de Genève. Das waren Begegnungsorte verschiedenster individueller Gedankenströmungen, verbunden durch das Bekenntnis zur Zusammenarbeit. Diese Zeitschriften waren also wichtige Motoren und Gedankenträger während der Zwischenkriegszeit, sie stellten Kontakte her und organisierten Umfragen, Briefwechsel und Begegnungen wie z. B. in Pontigny (Burgund) oder in Colpach (Luxemburg) – zwei kleine „Kristallisationspunkte“ des zukünftigen Europas (Paul Desjardins). Hier bemühte man sich um Verständigung, lange bevor sich die Politiker, welche immer noch in ihren kriegerischen Denkschemata gefan gen waren, dazu aufrafften.