Presse

Franz M. Jansen „Der Moloch“, Blatt 18 der Folge „Der Krieg“, 1915/17

mit freundlicher Genehmigung der Galerie Remmert und Barth

 

Ein Artikel von der Seite des Erzbistums Köln

(http://www.erzbistum-koeln.de/modules/news/news_0268.html?uri=/index.html)

Düsseldorfer Bunkerkirche zeigt Ausstellung

9. Juni 2006; PEK (060608)

Bereits der Ort ist Programm und vereint auf unvergleichliche Weise kriegerisches Grauen und kreativen Neubeginn. 1942 errichteten die Nationalsozialisten widerrechtlich auf Kirchengrund einen Bunker, über dem der später legendäre „Bunkerkaplan“ Dr. Carl Klinkhammer 1947 eine Kirche bauen ließ. Mittlerweile ist die Mitte der 90er Jahre vom Erzbistum renovierte Bunkerkirche in Düsseldorf-Heerdt zusätzlich ein Ort der Begegnung, der Kunst und Kultur, der in diesen Tagen in ihren unterirdischen und wenig heimelig anmutenden Kellerzellen sehr anschaulich einer komplexen Rückschau auf „Krieg und Utopie“ – so der Titel der Ausstellung - Raum gibt. Das Gemeinschaftsprojekt der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, des Instituts „Moderne im Rheinland“ an der Heinrich-Heine-Universität und des Kunstvereins Kunstort Bunkerkirche e.V. erläutert im Untertitel, um was es inhaltlich geht: um „Kunst, Literatur und Politik im Rheinland nach dem Ersten Weltkrieg“, um einen Gegenentwurf zu den beispiellosen Gräueltaten und Brutalitäten eines nie zuvor gekannten Kriegsgeschehens mit seinen Furcht erregenden Hinterlassenschaften zahlloser Soldatenkrüppel und unzähliger verzweifelter Witwen und Waisen.


Als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ markierte der Erste Weltkrieg einen existenziellen Einschnitt, den Schriftsteller und Maler, Dramaturgen und Komponisten damals als brutale Vertreibung aus dem Paradies empfanden. Das Spektrum der kulturellen und künstlerischen Verarbeitung des Apokalyptisch-Bedrohlichen, Nicht-Begreifbaren, Un-Fassbaren, lässt sich besonders gut im politisch stark betroffenen Rheinland verfolgen, das sich nach Kriegsende zu einer Art Sammelbecken utopistischer Bestrebungen entwickelte. Intellektuelle Vordenker dieser äußerst dichten Kulturlandschaft entwerfen auf diesem Nährboden utopischer Gedankenspiele ihr je eigenes Bild von einem neuen Deutschland und schließen sich in Gruppierungen zusammen, in denen sie ihre Ideen entwickeln und zu einer kollektiven Metaphorik für letztlich Nicht-Darstellbares finden. Die Fokussierung der Ausstellung mit ihren 25 Themensegmenten auf die lebhafte rheinische Kulturszene ist nicht nur als exemplarischer Blick auf die Kriegsthematik zu verstehen, sondern soll die ganze Bandbreite der Verarbeitungsstrategien, ihre Impulse und Widersprüche dokumentieren, mit denen um 1920 nach Auswegen, Lösungen und Identifikationsfiguren gesucht wurde.


„Für das, was da geschehen war, gab es keine Muster, nach denen man hätte vorgehen können“, erläutert die Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Gertrude Cepl-Kaufmann, eine der Kuratoren der Ausstellung. „Die Intensität des Leidens war neu wie auch die Gewalt, mit der es verübt wurde.“ Die legendäre Düsseldorfer Galeristin Mutter Ey habe in ihrem Schaufenster Gert Wollheims Ölbild „Der Verwundete“ lange Zeit verhüllt, um sich dem abschreckenden Anblick der seelisch wie körperlich verletzten Gestalt eines Kriegskrüppels nicht aussetzen zu müssen, berichtet sie. An Provokation aber hat die naturalistische Darstellung eines sich aufbäumenden Kämpfers mit blutender Bauchwunde bis heute nichts eingebüßt. Als Plakatmotiv lässt es keinen Besucher im Unklaren über den als absurd bewerteten und in seiner Brutalität nicht steigerbaren Krieg.


Denn die Kriegstechnik schuf völlig neue Formen der Verletzung und damit auch neue Bildmotive. Diese rohe Form der naturnahen Verbildlichung kriegsversehrter Soldaten, wie sie sich dann künstlerisch Bahn bricht, steht auch den schrecklichen Szenarien in nichts nach, die Otto Dix mit seinen Bildern schafft. Auch das Werk Otto Pankoks, das in dieser Zeit entsteht, basiert auf dem Verlust von kosmischer Heilssicherheit, der sich in zerplatzenden Sonnen – in Anspielung auf explodierende Granaten - zeigt. In Köln schufen Heinrich Hoerle, Franz M. Jansen und Franz W. Seiwert so genannte „Krüppelmappen“; Prothesenträger füllen die Graphiken von Gottfried Brockmann. Auch Will Küpper fehlt mit seiner stummen und doch so aussagestarken Anklage nicht. Aber vor allem sind es auch die Texte dieser Zeit, die sich wie die Ankündigung eines nahenden Weltendes lesen und später Autoren wie Paul Zech, Armin T. Wegner und Else Lasker-Schüler zu wortkämpferischen Pazifisten werden lassen. Für viele Schriftsteller wurde der Krieg zur literarischen Herausforderung, die es in eine neue Sprache zu wandeln galt. „Wohl weil die Suche nach einem angemessenen Ausdruck für das Grauen so mächtig war, lässt sich die ‚Ausbeute’ - mit einem gewissen Zynismus – unter literar-historischem Aspekt als höchst produktiv bezeichnen“, so Kuratorin Cepl-Kaufmann.


In anderem Zusammenhang fällt dagegen eine gewisse Wortlosigkeit auf: Unfähig eine Sprache zu finden, die die intimsten Gefühle benennt, schreibt ein junger Soldat seit seiner Einberufung im August 1914 täglich an seine Braut, bevor er 1918 in Frankreich fällt. Seine Texte auf mehr als 1.000 Karten zeugen von der sprachlichen Hilflosigkeit, die den jungen Mann angesichts der ihn umgebenden Schrecken erfasst hat und die als dramatische Zeugnisse aus einer privaten Sammlung und herausgestelltes Einzelschicksal berühren. Ebenso wie die vielen Totenzettel, die oft als letzte „Lebenszeichen“ in den Gebetbüchern der Angehörigen sorgsam gehütet wurden. Der Verlust von Vätern, Söhnen und Verlobten wurde kompensiert mit heroischen Nachrufen auf einen tapfer gestorbenen Heldentod. Der massenhafte Tod fürs Vaterland nahm den Gefallenen jedoch jede Individualität. Diese Totenzettel geben dem Tod auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges etwas Normiertes, das die Sinnlosigkeit des Sterbens in besonderer Weise spiegelt. „Strandgut des Krieges“ heißt eine kleine Installation aus authentischen Patronenhülsen, Helmen, Granaten, Hacken und Flaschen, die in einer der kleinen Bunkerzellen als verrostetes Etwas auf dem Boden aufgetürmt liegen. Als Sinnbild für die zum Himmel schreiende Unfassbarkeit, dass 1916 allein an der Somme 700.000 Soldaten in der Schlacht um Verdun sinnlos in den Tod gehen mussten, sind sie greifbarer noch als alle Briefe, Texte, Dramen und Bilder stummes Zeugnis für eines der größten Massaker europäischer Geschichte.


Doch auch utopische Hoffnungen taten sich auf, neue Gemeinschaften und Allianzen wurden gesucht: in der anarchistischen Siedlung „Freie Erde“ in Düsseldorf-Eller ebenso wie in Dadaistenkreisen um Max Ernst oder im Eifeldorf Simonskall, in dem sich Kölner Künstler und Schriftsteller in der „Kalltalgemeinschaft“ zusammenschlossen. Die Sehnsucht nach einer spirituellen Erneuerung war groß. Hier vom Rhein sollte wieder eine Kraft ausgehen, die Deutschland und Europa ein neues Gesicht geben sollte. Das war das erklärte Ziel, und davon sprechen die meisten der Ausstellungsstücke.


Die interdisziplinär erarbeitete Ausstellung beleuchtet eindringlich die zwei Seiten dieses epochalen Ereignisses: Krieg und Utopie. Sie präsentiert nicht nur bekannte rheinische Künstler in einem neuen Kontext, sie zeigt vor allem auch die Dominanz und Vielfalt künstlerischer Denkansätze, mit denen eine Urerfahrung des Menschen vor rund 90 Jahren auf sensible Weise vergegenwärtigt wird. Hinzu kommt, dass die mehreren hundert fleißig aus Museen, Archiven und Privatsammlungen zusammengetragenen Exponate in der Bunkerkirche einen ebenso ernüchternden wie kongenialen Präsentationsort gefunden haben. (PEK/B.T.)
Zur Ausstellung, die noch bis zum 23. Juli zu sehen ist, ist ein Begleitband im Klartext-Verlag, Essen, erschienen. Weitere Informationen unter: www.kriegundutopie.de und www.bunkerkirche.de

 

Weitere Artikel im Internet:

http://www.biologie.uni-duesseldorf.de/Informationen/pressemeldung?nr=4878&url_alt=http://www.biologie.uni-duesseldorf.de/Informationen/index_html&suchbegriff=Krieg%20und%20Utopie&startdatum=&enddatum=#langanz

http://www.biologie.uni-duesseldorf.de/Informationen/pressemeldung?nr=4995&url_alt=http://www.biologie.uni-duesseldorf.de/Informationen/index_html&suchbegriff=Krieg%20und%20Utopie&startdatum=&enddatum=#langanz

http://www.brd.nrw.de/BezRegDdorf/hierarchie/news/newsticker/177_2006.php

http://www.brd.nrw.de/BezRegDdorf/hierarchie/news/reden/PDF/08062006.pdf